Ich bin nicht mehr dieselbe – und ich will auch nicht mehr überall gefallen
- Nina Saliternig
- 28. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Wenn ich manchmal durch alte Fotos blättere, bleibe ich an meinem eigenen Blick hängen. Ich sehe eine Frau, die mutig war und es immer noch ist, die durchgehalten hat, die sich immer wieder aufgerappelt hat. Aber ich sehe auch die Müdigkeit in ihren Augen. Diese stille Erschöpfung von jemandem, der funktionieren will. Der gefallen will. Der nach Harmonie strebt – koste es, was es wolle. Heute sehe ich anders aus. Klar, äußerlich ist es der Lauf der Zeit, niemand wird jünger. Aber viel wichtiger ist, dass sich innen etwas verschoben hat. Ich fühle mich befreit. Wenn ich ehrlich bin, gefällt mir diese Version von mir besser. Ich merke immer deutlicher, dass ich nicht mehr dieselbe bin. Und das ist gut. Richtig gut.

Ich habe aufgehört, mich zu verbiegen, nur um irgendwo hineinzupassen. Ich habe aufgehört, mich ständig zu erklären und zu rechtfertigen, nur weil ich eine andere Meinung habe oder ein ehrliches „Nein” ausspreche. Ich habe aufgehört, mich kleiner zu machen, damit sich andere größer fühlen können. All das hatte lange nichts mit Mut zu tun, sondern mit Angst. Angst, nicht gemocht zu werden. Heute weiß ich: Das, was ich früher für Anpassung gehalten habe, war oft Selbstverleugnung. Und das, was ich heute lebe, ist kein Ausdruck von Härte oder Gleichgültigkeit. Es ist ein Ausdruck von innerer Stärke. Von Klarheit. Von Selbstachtung.
her habe ich viel getragen und noch mehr ertragen. Erwartungen, unausgesprochene Stimmungen und Druck von außen zum Beispiel. Probleme, die eigentlich nicht meine waren, die aber trotzdem irgendwie an mir hingen. Ich wollte es allen recht machen: die gute Tochter, die zuverlässige Mitarbeiterin, die liebevolle Mutter, die verständnisvolle Partnerin, die loyale Freundin. Immer verfügbar. Immer zuverlässig. Immer die, auf die man zählen kann. Und irgendwann kam dieser Moment, in dem mir klar wurde: Wenn man es allen recht machen will, überall funktionieren und gut sein möchte, bleibt irgendwann nur eine Person auf der Strecke: man selbst. Still. Unbemerkt. Aber spürbar.
Also habe ich angefangen, bewusster zu wählen. Menschen. Gespräche. Situationen. Energie.
Ich muss nicht mehr überall dabei sein.
Ich muss nicht jede Einladung annehmen.
Ich muss nicht jedes Drama mitspielen.
Ich muss nicht jede Diskussion bis zum letzten Punkt ausfechten.
Und das fühlt sich nicht nach Rückzug oder Schwäche an, sondern nach Selbstschutz. Nach einem gesunden „Nein“, das Platz für ein ehrliches „Ja“ schafft. Nach einem ruhigen, erwachsenen „Ich wähle mich“.
Ich bin ruhiger geworden, aber nicht leiser. Ich sage klarer, was ich will. Und noch klarer, was ich nicht mehr will. Ich gönne mir Pausen, ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen. Ich setze Grenzen, ohne dabei Schuldgefühle zu haben, auch wenn es anderen unbequem ist. Ich erlaube mir, nicht ständig erreichbar zu sein – weder emotional noch organisatorisch. Denn ich habe gelernt: Ständig verfügbar zu sein, macht nicht stärker, sondern leer.

Dieser Weg ist natürlich nicht immer leicht. Mit zunehmender Klarheit werden die sogenannten Freunde weniger. Plötzlich wird einem bewusst, wie still es wird, wenn man nicht selbst den ersten Schritt macht. Man erkennt, wie oft man früher selbst der Motor war. Man war es, die die Verbindungen am Laufen hielt, die nachfragte, vermittelte und Initiativen ergriff. Es gibt Tage, an denen man sich einsam fühlt. Tage, an denen alte Muster anklopfen und man sich fragt, ob dieser neue Weg wirklich der richtige ist.
Aber solche Tage werden weniger. Denn ich spüre, wie gut es tut, endlich auch an mich zu denken. Es gibt zwar auch Tage, an denen ich wieder zu viel übernehme, zu viel mittrage und zu viel will, aber ich erkenne es schneller als früher. Aber ich erkenne es schneller als früher. Ich lerne, bewusster einen Schritt zurückzugehen, bevor es wieder zu viel wird. Ohne Drama. Ohne Selbstvorwürfe.
Vielleicht ist das eine andere Art des Erwachsenwerdens. Vielleicht liegt es daran, dass ich dieses Jahr 50 werde. Vielleicht liegt es auch am Homeoffice, an mehr Zeit für Gedanken und neue Prioritäten. Nicht im Sinne von mehr Leistung und Verantwortung – davon hatte ich genug –, sondern im Sinne von mehr Ehrlichkeit gegenüber mir selbst. Sondern im Sinne von mehr Ehrlichkeit mir selbst gegenüber.
Ich muss niemandem mehr beweisen, dass ich stark bin. Ich weiß es.
Ich muss niemandem mehr gefallen, um mich wertvoll zu fühlen. Ich bin es.
Ich muss nicht funktionieren, nur um dazuzugehören. Ich gehöre mir selbst.
Mein Fazit?
Ich bin nicht mehr dieselbe Person. Und dafür bin ich dankbar. Denn diese Version von mir ist klarer. Aufrechter. Und ein Stück freier. Nicht perfekt. Aber echt. Und genau so will ich weitermachen.




Schöne Worte die man regelrecht spüren kann!