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Ich darf mir wieder mehr Raum nehmen – und das fühlt sich ungewohnt gut an

Es war kein großer Moment. Es gab keinen großen Knall, keinen Wendepunkt und auch kein „Ab heute wird alles anders“. Es war eher so ein Gedanke, der sich heimlich zwischen zwei völlig gewöhnlichen Alltagsszenen eingeschlichen hat. Vielleicht als ich morgens meinen Kaffee getrunken habe. Oder als ich – zum ersten Mal seit Langem – einfach sitzen geblieben bin, anstatt sofort aufzustehen, um noch schnell etwas zu erledigen.

Und plötzlich war da dieses Gefühl: Ich brauche gerade nichts. Und ich schulde es niemandem, etwas zu brauchen.


Das war neu. Und ehrlich gesagt auch ein bisschen ungewohnt. Nachdem ich vor einiger Zeit beschlossen hatte, mich nicht mehr überall anpassen und gefallen zu wollen, entstand etwas anderes: Raum. Freiheit. Stille. Und diese Stille muss man erst einmal aushalten. Denn jahrelang war sie gefüllt – mit Erwartungen, Terminen, ständiger Verfügbarkeit und diesem inneren Antreiber, der ununterbrochen flüstert: „Du könntest doch noch …“

Ich habe damit begonnen, meine eigenen Bedürfnisse wieder ernster zu nehmen. Nicht dramatisch. Nicht egoistisch. Sondern ganz ruhig. Ich habe angefangen, mir selbst zuzuhören und mich zu fragen:

Bin ich gerade müde? Brauche ich dieses Gespräch wirklich? Möchte ich das wirklich, oder tue ich es nur, weil ich es schon immer so gemacht habe?


Und dann kam es. Das berühmte, viel gefürchtete und lange geübte - Nein. Nicht laut oder wütend. Nicht erklärend. Einfach nur ruhig und klar. In dem Moment, als ich es ausgesprochen hatte, meldete sich sofort das altbekannte Schuldgefühl. Dieses alte Muster, das sagt: „Jetzt bist du unbequem. Jetzt enttäuschst du jemanden.“


Aber ich habe etwas gelernt und auch verstanden. Schuldgefühle sind kein Zeichen dafür, dass man etwas falsch macht. Sie zeigen vielmehr, dass man etwas Neues tut.


Am Anfang fühlt es sich selten frei an, Nein zu sagen. Es ist vielmehr eine unsichere Frage an sich selbst: „Darf ich das überhaupt?“


Doch mit jedem "Nein" entsteht Platz. In diesem Platz wächst ein Ja – ein Ja zu mir selbst. Dieser Freiraum zeigt sich nicht in großen Auszeiten oder dramatischen Veränderungen, sondern in winzigen, fast unspektakulären Alltagsmomenten.

Ein Spaziergang ohne Ziel. Ein Buch, das einfach nur gut tut, statt wichtig zu sein. Der Laptop, der früher zugeklappt wird als sonst. Ein Nachmittag ganz ohne Plan. Oder einfach das bewusste Nichtstun – ohne es rechtfertigen zu müssen.


Mit der Zeit merke ich immer mehr, wie sehr mir diese kleinen Inseln fehlen, wenn ich sie mir nicht nehme. Und wie viel weicher, ruhiger und klarer alles wird, wenn ich sie mir nehme. Mein Kopf. Mein Körper. Meine Stimmung.


Raum nehmen bedeutet für mich nicht, mich zurückzuziehen. Es bedeutet, Verbindung zu mir selbst aufzunehmen.

Natürlich gibt es auch diese Tage, an denen es einfach nicht klappt. Tage, an denen ich wieder zu viel übernehme, zu schnell "Ja" sage, mich selbst übergehe und komplett vergesse. Aber der Unterschied zu früher ist: Ich merke es schneller. Und ich erlaube mir, nachzujustieren. Ohne Drama. Ohne Selbstvorwürfe.


Vielleicht gehört es zum Erwachsensein dazu, zu akzeptieren, dass man sich nicht ständig zurückstellen muss, um ein guter Mensch zu sein. Dass Fürsorge nicht nur nach außen, sondern auch nach innen geht.


Mein Fazit?

Ich darf mir wieder mehr Raum nehmen. Und ja, manchmal fühlt sich das ungewohnt aber auch richtig an. Ruhig. Klar, und ein kleines Stück nach Hause.

 
 
 

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