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Ein Tag weitergeschoben und plötzlich wird Zeit spürbar

Wie die meisten von euch wahrscheinlich auch, habe ich bestimmte Routinen am Morgen. Ich gehöre nicht zur Schlummertasten-Fraktion – eher zu der Sorte: Wecker klingelt, aufspringen, losgehen. Danach öffne ich erst einmal alle Fenster, außer in den Zimmern, in denen meine Männer noch friedlich schlafen, lasse frische Luft ins Haus und begrüße diese ruhigen, stillen Minuten des Tages.


Nach dem Duschen führt mich mein erster Weg zum Familienkalender. Dort hängt eine kleine Büroklammer, die ich jeden Morgen einen Tag weiterschiebe. Und dann stehe ich da und denke: Wow, heute ist schon der 30. Juli. Noch fünf Monate – und das Jahr ist schon wieder vorbei.

Frau sieht aus einem Fenster auf dem ein Kalenderblatt von Juli 2026 klebt, dahinter ein See mit Bergen

Je näher ich meinem 50. Geburtstag komme, desto öfter ertappe ich mich bei einem Gedanken, den ich früher so nicht kannte: dass Zeit sich verändert hat – nicht, weil sie schneller geworden wäre, sondern weil ich sie anders empfinde.


Manchmal sind es genau diese kleinen Momente, in denen mir das bewusst wird. Wie eben dieses Verschieben der Büroklammer. Ein kurzer Blick – und plötzlich ist da dieses Gefühl von „wie schnell das alles gegangen ist“. Nicht immer hektisch oder getrieben, sondern eher so, als hätte sich mein Leben ganz selbstverständlich entfaltet. Schritt für Schritt. Jahr für Jahr. Und ich stehe heute da und sehe, was daraus geworden ist.


Vielleicht ist es genau dieses Innehalten, das alles verändert. Früher war Zeit vor allem etwas, das vor mir lag – offen, weit, beinahe unerschöpflich. Es gab immer genügend Raum für später, für irgendwann, für alles, was noch kommen könnte. Heute fühlt sich dieses „später“ anders an. Klarer. Ehrlicher. Und auch kostbarer.


Ich denke dabei oft an einen Satz, den ich vor einigen Monaten geschrieben habe – in einem Moment, in dem mir genau dieses Gefühl zum ersten Mal richtig so bewusst geworden ist:„Ich kann kaum glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist.“


Dieser Satz ist verbunden mit einem ganz konkreten Blick auf meinen Herzensmenschen, der größer wird, bereit ist, seinen eigenen Weg zu gehen, und den ich Stück für Stück loslassen muß. Heute merke ich, dass dieser Satz noch viel mehr Bedeutung hat. Er gilt nicht nur für einzelne Lebensphasen, sondern für das Leben selbst.


Und mit diesem Blick kommt etwas, das mir lange Zeit so nicht bewusst war: ein gleichzeitiges Gefühl aus Stolz und Wehmut. Stolz auf das, was gewachsen ist, auf alles, was geblieben ist, auf das, was ich getragen habe – auch durch Zeiten, die nicht immer leicht waren. Wehmut, weil mir bewusst wird, dass Zeit eben nicht nur hinzufügt, sondern auch verändert und manchmal still und leise etwas mitnimmt.


Besonders spüre ich das, wenn es um das Loslassen geht. Früher dachte ich, das sei eine Entscheidung, die man bewusst trifft. Heute weiß ich, dass es viel tiefer geht. Es geschieht in kleinen Momenten, in Gedanken, die man weiterzieht, und in diesem langsamen Verstehen, dass man nicht alles festhalten kann.

Mutter geht neben ihrem Sohn eine Straße entlang

Und noch immer ist dieses Gefühl genauso intensiv wie in dem Augenblick, als mir zum ersten Mal klar wurde:„Ich hätte nie gedacht, dass Loslassen so wehtun kann.“


Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich mein Verhältnis zur Zeit verändert hat. Sie ist nicht mehr nur das, was vor mir liegt, sondern auch das, was mich geprägt hat. Und zwischen beidem entsteht eine neue Form von Bewusstsein.


Ich merke, dass ich mir nicht mehr alle Möglichkeiten offenhalten möchte – und dass ich es auch nicht mehr brauche. Es wird klarer, was mir wichtig ist. Und fast noch klarer, was es nicht mehr ist. Diese Erkenntnis fühlt sich nicht nach Verzicht an, sondern nach Ruhe. Nach einem leisen Gefühl von Ankommen.


Ich beginne zu verstehen, dass Zeit nichts ist, das mir davonläuft, sondern etwas, das mich begleitet. Sie zeigt mir nicht, was verloren geht, sondern was wirklich Bedeutung hat. Und vielleicht ist genau das das Entscheidende: dass ich beginne, bewusster zu wählen, statt alles mitzunehmen.


Wenn ich heute auf mein bisheriges Leben schaue, dann tue ich das nicht mit dem Gefühl, dass mir etwas entglitten wäre, sondern mit Dankbarkeit dafür, dass ich mittendrin bin. In einem Abschnitt, der mehr Tiefe hat als früher, mehr Ehrlichkeit und auch mehr Sanftheit im Umgang mit mir selbst.


Mein Fazit

Vielleicht geht es in dieser Lebensphase gar nicht darum, wie viel Zeit vergangen ist, sondern darum, wie ich die Zeit erlebe, die da ist – mit mehr Bewusstsein, mehr Klarheit und einem wachsenden Vertrauen darin, dass ich nicht mehr alles sein muss, sondern immer mehr ich selbst sein darf.


Und während ich das schreibe, spüre ich, dass genau daraus etwas Neues entsteht: ein anderes Verständnis von mir selbst – als Frau, die ruhiger geworden ist, klarer in ihren Entscheidungen und nicht mehr in allem verfügbar sein möchte, sondern bewusster wählt, wofür sie da ist und wofür nicht.

 
 
 

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