Ich darf mir Platz machen, denn ich bin mitten im Leben
- Nina Saliternig
- vor 21 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Neulich saß ich in einem Café, eigentlich nur für einen schnellen Kaffee zwischen zwei Terminen. Um mich herum saßen Menschen, die in Gespräche vertieft waren, gedankenverloren ihren Blick in die Ferne schweifen ließen oder auf ihren Handys scrollten. Vor mir lag mein Handy mit einer Liste von Dingen, die ich noch erledigen wollte. Ich merkte, wie ich gedanklich bereits weiter war und die nächsten Punkte meiner To-do-Liste im Kopf abarbeitete. Und dann geschah etwas Unerwartetes: Ich blieb vollkommen regungslos, schloss ich die Augen und blieb sitzen.
Dieses Innehalten kam ganz von allein. Ohne Plan, ohne darüber nachzudenken und ohne ersichtlichen Grund. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, mich einfach fallen zu lassen und mir einen Moment zum Durchatmen zu schenken. Es war kein großer Augenblick, nichts, was jemand von außen bemerkt hätte. Aber für mich war es ein besonderer Schritt.
In letzter Zeit spüre ich immer deutlicher, wie wichtig es ist, mir bewusst Raum zu nehmen. Nicht erst, wenn alles erledigt ist und niemand mehr etwas von mir braucht, sondern genau jetzt, mitten im Leben. Und dieses Raumgeben beginnt oft ganz leise. Mit Gedanken wie: „Ich möchte das gerade nicht.“ Oder: „Das ist mir heute einfach zu viel.“
Früher habe ich solche Gedanken gar nicht zugelassen. Und wenn sie doch einmal auftauchten, habe ich sie schnell wieder in den hintersten Winkel geschoben. Ich habe funktioniert, organisiert und reagiert. Dabei hatte ich oft das Gefühl, dass genau das von mir erwartet wird. Das ist auch heute noch manchmal so. Aber es gibt immer mehr Momente, in denen ich mich selbst an die erste Stelle setze.
Vor ein paar Wochen war ich mit einer Freundin und einer Bekannten auf meinem ersten Konzert der Toten Hosen. Es war ein großartiger Abend, und ich weiß heute ganz genau, warum ich ihn so genießen konnte.

Meine Freundin ist ein absoluter Ultra-Fan. Wahrscheinlich kenne ich niemanden, der mehr Konzerte der Toten Hosen besucht hat als sie. Zu Hause hat sie sogar eine eigene Ecke mit Erinnerungsstücken, Bildern und Souvenirs. Ich liebe ihre Begeisterung dafür.
Als echter Fan möchte sie natürlich immer so weit vorne wie möglich stehen. Das bedeutete an diesem Abend, schon viele Stunden vor Konzertbeginn vor Ort zu sein. Trotzdem reichte es nicht ganz bis in die erste Reihe. Für mich war das allerdings schon mehr als genug. Es war heiß und voll, und die Menschen drängten von allen Seiten nach vorne. Sehr schnell merkte ich, dass ich mich nicht wohlfühlte. Die Enge wurde mir zu viel und ich hatte das Bedürfnis, etwas Abstand zu gewinnen. Früher wäre ich wahrscheinlich geblieben. Diesmal habe ich auf mich gehört.
Ich sagte meiner Freundin, dass ich kurz zur Toilette gehe. Als ich dann feststellte, wie viel besser sich die Atmosphäre ein Stück weiter hinten anfühlte, schickte ich ihr, Handy sei Dank, eine Nachricht und gab Bescheid, dass ich dort bleiben würde.
Und plötzlich war alles anders. Ich hatte einen großartigen Platz gefunden. Ich konnte mich an einen Bauzaun anlehnen, hatte Luft zum Atmen und freie Sicht auf die Bühne. Zwei Drittel der Lieder kannte ich und konnte aus voller Kehle mitsingen. Vor allem aber konnte ich den Abend wirklich genießen.
Noch vor einiger Zeit wäre ich trotz meines Unwohlseins bei meiner Freundin geblieben. Aus Angst, egoistisch zu wirken. Aus schlechtem Gewissen. Ich hätte gedacht, dass ihre Wünsche wichtiger sind als meine eigenen Bedürfnisse. Damals hätte ich das Konzert vermutlich nicht genießen können. Dieses Mal konnte ich es. Und wenn ich ehrlich bin, bin ich sogar ein bisschen stolz darauf.
Heute halte ich öfter inne und prüfe, ob ich wirklich Ja sagen möchte. Und manchmal sage ich dann ganz bewusst Nein. Nicht laut. Nicht hart, sondern ruhig und klar. Denn es ist kein Nein gegen jemanden. Es ist ein Nein für mich.

Und genau an dieser Stelle taucht es manchmal noch auf: dieses alte Gefühl des schlechten Gewissens. Dieses leise Ziehen, das mich fragt, ob ich vielleicht doch zu egoistisch bin oder zu viel Raum einnehme. Aber je häufiger ich in solchen Momenten innehalte, desto klarer wird mir: Dieses Gefühl bedeutet nicht, dass ich etwas falsch mache. Es bedeutet lediglich, dass ich etwas anders mache als früher.
Schuldgefühle sind manchmal keine Grenze, sondern ein Übergang. Sie zeigen nicht zwangsläufig an, dass wir einen Fehler machen. Oft zeigen sie nur, dass wir alte Muster verlassen. Ich habe gelernt, mich anzupassen, mitzudenken und vieles möglich zu machen. Und vieles davon möchte ich auch gar nicht aufgeben. Aber ich lerne gerade, dass es einen Unterschied gibt zwischen für andere da zu sein und dabei selbst keinen Platz mehr zu haben.
Raum für mich entsteht nicht einfach so. Er bleibt auch nicht übrig, wenn irgendwann alles erledigt ist. Raum für mich entsteht durch Entscheidungen. In den kleinen Momenten, wie in diesem kurzen Innehalten im Café. In einem ruhigen „Nein, das will ich nicht”, wie beim Konzert. Und ganz besonders, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse ernst nehme, selbst dann, wenn das für andere manchmal unbequem ist.
Vielleicht ist genau das das Ungewöhnlichste daran: dass es sich am Anfang nicht gut anfühlt. Es fühlt sich fremd, unsicher und manchmal sogar falsch an, und doch fühlt es sich gleichzeitig richtig an. Auf sich selbst zu achten, macht vieles klarer, stimmiger und ehrlicher. Es ist, als würde man Schritt für Schritt wieder bei sich selbst ankommen.
Ich habe beschlossen, dass ich mir Platz machen darf. Nicht irgendwann, wenn alles für alle anderen perfekt passt, sondern genau jetzt. Mitten im Leben.
Mein Fazit
Mir Raum zu nehmen, ist kein Bruch mit dem, was mir wichtig ist, sondern eine Rückkehr zu mir selbst. Und auch wenn sich dieser Weg manchmal ungewohnt anfühlt, zeigt er mir immer deutlicher, was wirklich zu mir gehört und was ich nicht länger mit mir herumtragen möchte.
Denn je mehr Raum ich mir erlaube, desto klarer wird auch, was ich loslassen darf. Nicht plötzlich, nicht radikal, sondern Schritt für Schritt. Und ganz sicher liegt genau darin die nächste Entwicklung: nicht nur Raum zu schaffen, sondern bewusst zu entscheiden, was darin noch Platz haben soll und was ich liebevoll, aber bestimmt gehen lassen kann.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung dieser Lebensphase: nicht alles festzuhalten, was uns vertraut ist, sondern zu erkennen, wann es Zeit ist, etwas liebevoll ziehen zu lassen.



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