Ich bin ruhiger geworden – aber nicht leiser.
- Nina Saliternig
- vor 10 Minuten
- 3 Min. Lesezeit
Es gab eine Zeit, da habe ich mich fast automatisch gemeldet, wenn irgendwo etwas offen war. Eine Nachricht, die unbeantwortet blieb, ein Termin, für den noch jemand gebraucht wurde, eine Stimmung in einem Raum, die ein bisschen kippte – ich habe das gespürt und sofort reagiert. Nicht, weil jemand es verlangt hätte, sondern weil es für mich selbstverständlich war. Weil ich dazugehören wollte. Weil das Gefühl, allein zu sein, für mich nur schwer auszuhalten war.
Also habe ich oft versucht, alles zusammenzuhalten. Bei jedem Streit, bei jeder Unstimmigkeit habe ich zuerst bei mir gesucht, was ich hätte anders machen können. Ich habe mich entschuldigt, auch dann, wenn tief in mir ein Teil wusste, dass zu einem Auseinandergehen immer mindestens zwei gehören. Ich habe viel von mir erzählt, habe mich geöffnet und darauf vertraut, dass man mir zuhört und versucht, mich zu verstehen.
Dieses Vertrauen wurde nicht immer gehalten. Im Gegenteil – ich wurde oft enttäuscht. Und jedes Mal habe ich wieder überlegt, was ich hätte besser machen können, habe Situationen durchgespielt, habe versucht, noch verständnisvoller zu sein, noch klarer zu erklären, noch mehr auf den anderen einzugehen. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es nicht immer an mir liegt. Dass es nichts bringt, den Fehler bei sich zu suchen, wenn das Gegenüber gar kein wirkliches Interesse daran hat, einen gemeinsamen Weg zu finden.
Diese Erkenntnis kam nicht plötzlich, sondern leise und über viele Wiederholungen hinweg. Vor allem in Momenten, in denen ich gemerkt habe, wie viel Energie ich aufbringe für Dinge, die sich nicht verändern. Für Menschen, die sich längst innerlich entfernt haben. Für Verbindungen, die ich festhalten wollte, obwohl sie sich schon gelöst hatten.
Besonders schmerzhaft war – und ist es manchmal noch –, das in Gruppen zu erleben. Mit Menschen, bei denen ich lange das Gefühl hatte, dass es passt. Dass da eine Verbindung ist. Und dann verändert sich etwas, ohne Erklärung, ohne echten Grund, den man greifen kann. Du gehst das Ganze im Kopf immer wieder durch, versuchst zu verstehen, suchst nach dem Punkt, an dem es gekippt ist – und merkst irgendwann, dass diese Suche dich nicht weiterbringt.

Und genau da liegt vielleicht einer der schwersten Schritte: zu akzeptieren, dass man nicht alles klären kann. Dass man nicht jede Beziehung retten kann. Und dass es Situationen gibt, in denen man machtlos ist – egal, wie viel man noch investiert.
Ich habe gelernt, dass es einen Punkt gibt, an dem ich aufhören muss, hinterherzulaufen. Einen Punkt, an dem ich niemanden mehr davon überzeugen sollte, in meinem Leben zu bleiben. Es fällt nicht leicht, das so klar auszusprechen, weil es weh tut. Aber gleichzeitig liegt darin auch eine große Befreiung.
Wer mit mir sein möchte, ist von Herzen willkommen. Die Tür ist offen. Aber ich halte niemanden mehr fest, der mir zeigt, dass ich keinen Platz in seinem Leben habe. Reisende soll man nicht aufhalten – und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass das nicht Resignation ist, sondern Selbstachtung.
Das bedeutet auch, dass ich heute anders mit meiner Zeit und meiner Energie umgehe. Dass ich mich manchmal zurückziehe, dass ich Dinge meide, obwohl ein Teil von mir eigentlich gerne dabei wäre, einfach weil ich spüre, dass es mir nicht guttut, immer wieder in die gleichen Dynamiken zu gehen. Dass ich aushalte, dass nicht jeder ruhige Tag selbst gewählt ist, aber dass ich ihn trotzdem für mich nutze, anstatt meine Kraft an Orte zu tragen, an denen sie versickert.
Vor Kurzem hat jemand zu mir gesagt, dass Freundschaft Arbeit ist. Und ja, das stimmt. Aber ich glaube auch, dass es einen Unterschied macht, ob man gemeinsam an etwas arbeitet oder ob man dauerhaft gegen Gegenwind ankämpft. Denn irgendwann geht selbst dem Stärksten die Kraft aus.
Mein Fazit
Ich bin ruhiger geworden. Nicht, weil ich mich zurückgenommen habe, sondern weil ich klarer geworden bin. Klarer darin, was ich gebe und was nicht. Klarer darin, wann ich mich erkläre und wann ich es einfach stehen lasse. Klarer darin, dass ich nicht mehr jeden erreichen muss.
Und vielleicht ist genau das die größte Veränderung: dass ich angefangen habe, meine Energie nicht mehr dafür einzusetzen, überall dazuzugehören, sondern dafür, bei mir zu bleiben.
Am Ende muss ich nicht jeden glücklich machen. Ich darf damit anfangen, mich selbst ernst zu nehmen. Und vielleicht entsteht genau daraus dieses neue Gefühl von Ruhe – nicht als Rückzug, sondern als Entscheidung für mich.



Kommentare