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Ich muss nicht alles im Griff haben – und das ist in Ordnung

15. Mai
4 Min. Lesezeit

Es gab eine Zeit, in der ich das Gefühl hatte, alles im Griff haben zu müssen.

Den Alltag. Die Termine. Die Stimmung zu Hause. Die Freundschaften. Und irgendwie auch das Leben an sich. Ich war organisiert. Strukturiert. Verlässlich. Ich war die, die immer mitdenkt. Die versucht, alles vorauszuplanen. Die, die einfach funktioniert.


Lange Zeit dachte ich, genau das macht mich aus und macht mich stark. Dadurch bin ich jemand, werde gemocht und auch nicht übersehen.

Bis ich gemerkt habe, dass ich komplett falsch liege. Ich werde nicht stärker, gemocht oder gesehen, wenn ich glaube, alles im Griff haben zu müssen. Dieses ständige Gefühl, alles im Griff haben zu müssen und es allen recht machen zu wollen, macht mich nicht stark, sondern vor allem müde.


Die Entscheidung, alles kontrollieren zu wollen, habe ich definitiv nicht bewusst getroffen. Das ist einfach passiert. Sicherlich auch durch meine berufliche Laufbahn. Zunächst war ich jahrelang im Tourismus tätig, jetzt arbeite ich als Assistentin. Der Servicegedanke steht dabei immer an erster Stelle. Man muss organisieren, strukturieren und verlässlich sein, um es den Gästen, Vorgesetzten und dem Team recht zu machen. Speziell im Tourismus ist das ein harter Job. Es gibt viele Arbeitsstunden, wenig Geld und spezielle Menschen, aber es war die beste Zeit, die ich je hatte. Ich habe mich von unten nach oben durchgekämpft und dafür musst du alles im Griff haben.

Aber stopp, ich schweife schon wieder ab. Das passiert mir in letzter Zeit häufiger😊.

Dieses Bedürfnis, alles im Griff haben zu wollen, hat sich einfach in mein Leben eingeschlichen. Mit der Verantwortung im Arbeitsalltag. Mit dem Muttersein. Mit dem Wunsch, dass alles läuft – privat und beruflich.


Mir war und ist einfach wichtig, dass es allen gut geht, dass nichts schiefgeht und ich auf alles vorbereitet bin. Das ist natürlich totaler Quatsch, nicht möglich und treibt meine Männer sehr oft zur Verzweiflung.

Irgendwann auf meinem Weg ins Erwachsenwerden habe ich angefangen zu glauben, dass es meine Aufgabe ist, alles zusammenzuhalten. Aber das Leben hält sich nicht an Pläne. Es kommt dazwischen, überrascht einen und bringt Dinge durcheinander, die man gerade erst sortiert hatte.


Und ganz ehrlich: Das Leben interessiert sich nicht dafür, ob ich gerade alles im Griff habe oder nicht. Seit ich zu hundert Prozent von zu Hause aus arbeite und mich viel mehr mit mir selbst beschäftige, hat sich etwas verändert. Schritt für Schritt, fast unbemerkt. Erst wenn man an gewisse Situationen zurückdenkt, erkennt man die Zeichen.

Irgendwann habe ich angefangen, Dinge liegen zu lassen. Nicht sofort zu reagieren. Nicht gleich für alles eine Lösung zu finden. Und auch wenn es sich manchmal falsch angefühlt hat, ging das Leben überraschenderweise weiter. Einfach so, ohne Katastrophen.

Manches hat sich von selbst erledigt. Andere Dinge waren in der einen Sekunde sehr wichtig und in der nächsten gar nicht mehr. Meine Familie war noch immer da, meinen Job hatte ich auch noch und die Menschen, die mich so schätzen und nehmen, wie ich bin, hatten sich ebenfalls nicht in Luft aufgelöst. Im Nachhinein war das nicht schwierig, sondern lediglich ungewohnt, denn in mir hat sich etwas geändert.


Ich bin innerlich ruhiger und gelassene. Ich habe ein bisschen mehr Luft und Raum.

Nicht alles sofort klären zu müssen, hat mir gezeigt, wie viel Energie es kostet, immer alles im Griff haben zu wollen. Und wie wenig davon eigentlich wirklich notwendig ist.

Ich habe gemerkt, dass nichts alles zusammenbricht, wenn ich loslasse. Dass nicht alles eskaliert, wenn ich nicht sofort eingreife. Dass es nicht alles perfekt laufen muss, damit es gut ist.


Es gibt Dinge, die dürfen und müssen sich entwickeln. Manche Situationen lösen sich von selbst. Und manche Probleme sind gar keine, wenn man ihnen nicht sofort die volle Aufmerksamkeit schenkt. Alles, oder besser gesagt das Meiste, was im Leben passiert, hat einen Grund. Keine Angst, das wird jetzt nicht esoterisch, aber ich glaube wirklich, dass es Gründe gibt, warum etwas passiert. Warum verletzt sich mein Sohn zum Beispiel kurz vor Ende der Saison so schwer, dass all seine Pläne zunichte sind? Was gestern noch wichtig war, gerät jetzt auf einmal in den Hintergrund. Wird er deswegen seinen Weg nicht gehen können? Natürlich wird er das, er muss nur die Baustelle umfahren, die ihm den Weg versperrt. Hinter der Baustelle geht es dann weiter. Mental gereift, definitiv stärker und vor allem bewusster wird er seinen Weg weitergehen.


Nur, weil ich inzwischen manchmal Dinge liegen lasse, heißt das nicht, dass mir alles egal ist. Ganz im Gegenteil. Ich bin immer da, sehe, was passiert, und versuche, zu begleiten. Aber ich halte nicht mehr alles fest.


Vielleicht ist genau das der Unterschied. Nicht mehr alles kontrollieren zu wollen, sondern darauf zu vertrauen, dass nichts außer Kontrolle gerät.

Wenn die Tage zurückkommen, an denen ich wieder alles kontrollieren möchte, erinnere ich mich daran, dass ich nicht alles im Griff haben muss. Dass ich loslassen und vertrauen darf. Dass Dinge auch einfach mal passieren dürfen.

Das Leben wird dadurch nicht chaotischer. Na ja, vielleicht ein bisschen, aber es wird auf jeden Fall echter. Manchmal auch anstrengender. Aber auch leichter und spannender.

Ich glaube, wir verwechseln oft Kontrolle mit Sicherheit. Echte Sicherheit entsteht jedoch nicht dadurch, dass wir alles kontrollieren und festhalten. Sondern dadurch, dass wir lernen, mit dem umzugehen, was wir nicht kontrollieren können.

Und vielleicht ist genau das unsere eigentliche Stärke. Nicht alles im Griff zu haben. Sondern damit umgehen zu können, wenn es nicht so ist.


Mein Fazit?

Ich muss nicht alles im Griff haben. Nicht jeden Tag. Nicht in jeder Situation. Nicht für jeden Menschen. Und das ist in Ordnung. Vielleicht sogar mehr als das. Vielleicht ist es genau das, was mir gefehlt hat: ein bisschen mehr Vertrauen.

Vielleicht ist das nicht das Ende von Kontrolle, sondern der Anfang von Vertrauen.

 
 
 

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