Kein Neustart. Nur ein Blick nach vorn.
- Nina Saliternig
- 15. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt Phasen, in denen nichts Dramatisches passiert und sich trotzdem etwas verschiebt. Keine große Entscheidung, kein äußerer Einschnitt, kein klarer Moment, den man benennen könnte. Und doch ist da dieses Gefühl, dass etwas in Bewegung ist, leise, fast unauffällig, aber präsent genug, um es nicht mehr zu übersehen.
Bei mir zeigen sich diese Momente meist in der Stille. Abends, wenn der Tag langsam ausklingt, der Kaffee noch auf dem Tisch steht und der Blick aus dem Fenster nicht mehr nach draußen, sondern nach innen geht. Dann ist da manchmal dieser leise Gedanke, der mehr ein Gefühl als ein Satz ist: "Ich spüre, da sortiert sich etwas." Noch ohne Worte. Noch ohne Richtung.

Eigentlich sind es diese Augenblicke, die ich mag. Dieses Innehalten, dieses sanfte Wahrnehmen. Und doch kippt es manchmal. Denn oft sind es genau diese Übergänge – kurz vor dem Einschlafen oder mitten in der Nacht –, in denen mein Kopf übernimmt. Dann beginnt das Gedankenkarussell, und es dreht sich schneller, als mir lieb ist. Ich denke über Gott und die Welt nach, über Dinge, die passiert sind, über Gespräche und Situationen, die keinen Abschluss gefunden haben. Nicht immer hat das direkt mit mir zu tun. Aber fast immer mit Familie oder Arbeit. Mit Verantwortung. Mit dem Gefühl, für vieles mitdenken zu müssen.
Und das ist der Punkt: Ich mag diese nächtliche Gedankenraserei überhaupt nicht. Ich möchte mich ausruhen, um am nächsten Tag fit zu sein. Ich möchte schlafen, abschalten und meinem Körper die Möglichkeit geben, zur Ruhe zu kommen. Wenn sich das Gedankenkarussell dreht, gelingt mir das nicht. Es fühlt sich nicht nach Erkenntnis, sondern nach Erschöpfung an.
Mein Kopf meint es zwar gut, Davon bin ich überzeugt. Er will klären, ordnen und Lösungen finden. Er glaubt, dass Ruhe entsteht, wenn alles durchdacht ist. Doch genau hier entsteht eine Spannung, die ich immer deutlicher wahrnehme: zwischen dem arbeitenden Kopf und einem inneren Wissen, das eigentlich etwas anderes braucht. Dieses innere Wissen wird nicht lauter, wenn ich mehr denke. Es wird eher überdeckt.
Ich beginne zu verstehen, dass nicht jede Frage nachts beantwortet werden will. Dass manche Gedanken nicht gelöst, sondern vertagt werden möchten. Und dass es einen Unterschied gibt zwischen Wachsein und Wachsamkeit. Zwischen Grübeln und innerem Hören.

Ich übe also, meinem Kopf Grenzen zu setzen. Nicht radikal und nicht unter Druck, sondern mit Aufmerksamkeit. Ich versuche, meine Gedanken wahrzunehmen, ohne ihnen sofort zu folgen. Ich erlaube mir selbst zu sagen: „Nicht jetzt.” Und gleichzeitig vertraue ich dem leisen Gefühl, dass sich Dinge auch dann sortieren, wenn ich sie nicht sofort festhalte.
Vielleicht ist das kein Neustart, vielleicht ist es ein Umlernen, ein langsames Verschieben des Schwerpunkts – weg von Kontrolle, hin zu Neugier. Weg vom Zwang, alles sofort verstehen zu müssen, hin zur Bereitschaft, manches reifen zu lassen.
Ich weiß noch nicht, wohin mich das führt. Aber ich merke, dass sich etwas ordnet. Und vielleicht ist genau das der Anfang: nicht alles zu wissen, aber aufmerksam zu bleiben – und mir selbst genug Ruhe zuzugestehen, damit dieses innere Wissen überhaupt eine Chance hat, gehört zu werden.
Mein Fazit
Vielleicht ist es meine Aufgabe, aufmerksam zu bleiben, ohne mich zu überfordern. Dem Kopf zuzuhören, aber nicht immer seinem Rat zu folgen. Und meinem inneren Wissen Zeit zu geben, auch wenn es mich nachts wachhält.
Kein Neustart.
Nur ein Blick nach vorn.
Und die Bereitschaft, nicht alles sofort wissen zu müssen.



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