Lieber Flo,
- Nina Saliternig
- 30. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
heute bist du 17 Jahre alt. Ich kann kaum glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist.
Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag, an dem ich erfahren habe, dass du unterwegs bist. Es war ein sonniger Tag im August. Ich habe damals in Dresden gearbeitet, Papa in Herzogenaurach. Ich stand im Bad meiner wunderschönen Altbauwohnung, die nur einen Steinwurf von der Elbe entfernt war, und hielt einen Schwangerschaftstest in der Hand.
Damals habe ich noch geraucht. Ich weiß noch genau, wie ich zu mir selbst sagte: „Entweder ist das jetzt deine letzte Zigarette – oder nicht.“
Ich ging also auf den Balkon, rauchte diese Zigarette und wartete darauf, dass die Zeit verging, bis ich das Ergebnis ablesen konnte. Und was soll ich sagen – du bist heute hier. Es war also tatsächlich meine letzte Zigarette. (Zumindest für sehr lange Zeit. Dass ich viele Jahre später einmal einen dummen Rückfall hatte, müssen wir hier nicht weiter vertiefen).
In diesem einen Moment, als ich erfahren habe, dass du zu uns unterwegs bist, begann eine neue Zeit. Eine aufregende, eine wunderschöne Ziet, auf die ich insgeheim so sehr gehofft hatte, obwohl ich mich kaum getraut habe, wirklich daran zu glauben. Denn nach einer schweren Operation Anfang zwanzig lag meine Chance, überhaupt schwanger zu werden, nur bei etwa fünfzig Prozent. Du kannst dir also sicher vorstellen, wie überrascht und glücklich wir waren.

Wir haben uns unglaublich auf dich gefreut. Papa hat sofort nach einem richtigen Zuhause für uns gesucht, denn unsere damalige Wohnung war einfach kein Ort für eine kleine Familie. Wir wollten alles vorbereiten, jedes Detail.
Uns war es wichtig, dass wir alle drei den gleichen Nachnamen haben. Deshalb haben wir noch vor deiner Geburt geheiratet, und zwar am 30. Dezember 2008 in Klagenfurt. Es war furchtbar kalt, aber ein wunderschöner Tag.
Dein errechneter Geburtstermin war Mitte April. Aber du hast dir Zeit gelassen. Geduld war zumindest als Baby und Kleinkind eine deiner großen Stärken. Heute dauern dir manche Dinge eher zu lange, besonders alles, was mit Schule zu tun hat 😊.
Mit jedem Tag der Schwangerschaft habe ich mich schöner und glücklicher gefühlt. Auch wenn ich am Ende vor lauter Bauch meine Füße kaum noch sehen konnte. Das Einzige, womit ich wirklich zu kämpfen hatte, war die Schwangerschaftsdemenz, die zumindest bei mir sehr real war. Ja, die gibt es wirklich 😊.
So habe ich mir beispielsweise einmal eingebildet, dass mein Auto verschwunden ist. Dabei hatte ich einfach vergessen, den ersten Gang einzulegen. Das Auto hatte sich selbstständig gemacht und war langsam in den Zaun der Nachbarn gerollt. So habe ich mich also – etwas anders als geplant – bei unseren Nachbarn vorgestellt. Zum Glück waren sie unglaublich nett. Da wir außerdem den besten Reparateur der Welt zu Hause haben – das hast du übrigens einmal über Papa gesagt –, war der Zaun schnell wieder repariert.
Trotz solcher Aussetzer habe ich jede Sekunde dieser Schwangerschaft genossen. Ich habe mich einfach wohlgefühlt. Der Moment, in dem ich dich zum ersten Mal gespürt habe, war unbeschreiblich. Neben all dem Glück war da natürlich auch Unsicherheit.
Werde ich eine gute Mama sein?
Diese Frage kannst nur du beantworten. Aber ich kann dir versprechen, dass ich immer mein Bestes gegeben habe – und das auch weiterhin tun werde.
Werde ich wissen, was zu tun ist?
Ehrlich gesagt habe ich einfach gemacht.
Werden wir es schaffen, dich zu einem guten Menschen zu erziehen?
Diese Frage kann ich heute ganz klar mit einem JA beantworten.

Wie gesagt, du solltest Mitte April kommen, aber du hattest deinen eigenen Rhythmus. Zwei Mal schickte man mich im Krankenhaus wieder nach Hause. Es sei noch zu früh. Beim dritten Mal hatten die Ärzte wohl Mitleid. Am 30. April 2009 war es schließlich soweit.
Ein Wunder kam zur Welt.
Dieses Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen. Glück. Überforderung. Schmerz. Liebe. Alles gleichzeitig. Und dein Papa sah dich mit einem Blick voller Stolz an und sagte:
„Knautschi sieht aus wie ein Flo.“ Damit war dein Name geboren: Florian.
Auch wenn du mit deinem Namen nicht immer glücklich bist, weil manche Menschen dumm sein können, kann ich dir sagen: Du kannst stolz auf ihn sein.
Der Name Florian kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „der Blühende“, „der Prächtige“, „der Erfolgreiche“. Der heilige Florian ist Schutzpatron der Feuerwehr und Schutzheiliger gegen Feuer- und Wassergefahren. Mit diesem Namen verbindet man Eigenschaften wie Offenheit, Zuverlässigkeit, Freundlichkeit und Bodenständigkeit.
Alles Eigenschaften, die auch du in dir trägst.
Und dann gibt es etwas, das ich ganz besonders an dir bewundere: deinen Ehrgeiz und deine Leidenschaft, wenn du etwas wirklich willst.

Seit fast zehn Jahren hat Eishockey dein Herz erobert. Der Wille und die Stärke, die du aufbringst, um deinen Traum zu verfolgen und dein Leben diesem Sport unterzuordnen, sind bemerkenswert. Tag für Tag trainierst du im Schnitt vier Stunden, um deinem Ziel näherzukommen, eines Tages mit Eishockey auch Geld zu verdienen. Dieser Sport fordert dich nicht nur körperlich, sondern auch mental.
Du lernst, mit Rückschlägen umzugehen und sie in etwas Positives zu verwandeln. Wenn du einmal nicht überzeugen konntest, kämpfst du beim nächsten Mal umso härter. Auch wenn es Zeiten gab, in denen du kaum spielen durftest, hast du nie auch nur daran gedacht, den Schläger in die Ecke zu stellen. Aufgeben war und ist für dich keine Option.
Die vielen Stunden auf der Straße machen dir keinen Spaß. Aber für deinen Traum nimmst du auch das in Kauf. Wir wissen nicht wohin dich diese Reise führen wird. Aber eines können wir dir versprechen: Wir werden dich immer unterstützen.
Unser Leben als Familie war und ist spannend und manchmal auch herausfordernd, aber vor allem ist es wunderschön. Wir genießen jeden einzelnen Tag. Auch wenn wir manchmal große Sorgen hatten und haben: vor Krankheiten, vor Stürzen vom Klettergerüst, Fahrradunfällen, Skifahrten, oder Zusammenstößen beim Eishockey. Vor der Welt da draußen, die manchmal kompliziert und verrückt erscheint.
Und vor dem Moment, in dem ich dich nicht mehr schützen kann – oder darf. Wie oft habe ich nachts an deinem Bett gesessen und habe dir beim Schlafen zugesehen! Wie oft hat es mir das Herz gebrochen, wenn du geweint hast! Oder als du das erste Mal gesagt hast: „Du verstehst mich nicht.“
Und wie oft habe ich selbst geweint, wenn ich gemerkt habe, wie sehr du an dir gezweifelt hast und auch jetzt noch manchmal zweifelst. Wenn mir plötzlich bewusst wird, dass du erwachsen wirst. Dass du mich nicht mehr brauchst wie früher. Dass du mich nicht mehr so umarmst wie früher. In manchen Momenten zerreißt mir das noch immer das Herz.
Ich weiß, dass du deine eigenen Fehler machen musst. Dass das dazugehört. Aber ich hätte nie gedacht, dass Loslassen so wehtun kann.

Und trotzdem hast du mein Herz genauso oft wieder zusammengesetzt. Mit deinem Lachen. Mit einem Blick, der nur mir galt. Mit einem leisen „Mama, ich hab dich lieb“, auch wenn diese Worte seltener werden. Nicht, weil du mich weniger liebst. Sondern weil du größer wirst.
Ich habe dich immer an erste Stelle gesetzt. Und ich würde es jederzeit wieder tun. Ich bin nicht perfekt. Aber als dein Herz zum ersten Mal geschlagen hat, war für mich alles perfekt.
Eines Tages wirst du das alles selbst verstehen. Wenn du nachts im Dunkeln neben einem kleinen Bettchen stehst. Wenn dir bewusst wird, wie still und gleichzeitig überwältigend Liebe sein kann. Dann wirst du verstehen, was ich meine, wenn ich sage:
„Bist du gut angekommen?“
„Pass auf dich auf.“
„Zieh dich warm an.“
Ganz egal, wie nervig oder peinlich das manchmal für dich war.
Du bist alles für mich. Du machst mich stolz. Und glücklich.
Zu sehen, wie du zu diesem besonderen jungen Mann heranwächst, ist das größte Geschenk meines Lebens.
Und jetzt?
Zieh los! Erfülle dir deine Träume! Lass dir von niemandem einreden, dass du etwas nicht kannst. Du kannst alles schaffen, wenn du es wirklich willst.
Ich hab dich lieb, Großer. Und ich bin unendlich stolz, deine Mama zu sein.




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