Was will ich eigentlich – jenseits von Rollen?
In letzter Zeit merke ich immer deutlicher, dass sich etwas verschiebt – nicht laut und nicht dramatisch, sondern eher leise und beiläufig. Gerade deshalb ist es so schwer zu greifen.
Es ist nicht das Gefühl, dass grundsätzlich etwas falsch läuft. Im Gegenteil. Vieles funktioniert gut, vieles ist stabil und ich würde es von außen betrachtet wahrscheinlich genauso wieder aufbauen. Und trotzdem stelle ich mir eine Frage, die ich nicht mehr unbeantwortet lassen will: Was davon gehört eigentlich wirklich zu mir und was ist einfach entstanden, weil es irgendwann gepasst hat?
Lange Zeit habe ich nicht zwischen diesen beiden Dingen unterschieden. Warum auch? Wenn etwas funktioniert, stellt man es nicht infrage. Man baut darauf auf, entwickelt es weiter und verfeinert es vielleicht noch ein bisschen. Irgendwann wird es zur Selbstverständlichkeit.
Genau darin liegt mein Problem.
Ich merke, wie viel von meinem Alltag aus genau diesen Selbstverständlichkeiten besteht. Es sind Entscheidungen, die sich gar nicht mehr wie Entscheidungen anfühlen. Gewohnheiten, die sich wie eine Identität anfühlen. Und Rollen, die ich so selbstverständlich ausfülle, dass ich sie kaum noch wahrnehme.
Ich merke das nicht bei den großen Dingen, sondern eher in den kleinen Momenten zwischendurch. Zum Beispiel in Situationen, in denen ich kurz innehalte und mich frage, warum ich gerade genau das tue oder denke. Oft ist die Antwort erstaunlich dünn. „Weil ich es immer so mache“ ist plötzlich nicht mehr überzeugend – eine Ausrede, die ich im Berufsalltag auch nie akzeptieren würde. Warum also bei mir?

Gleichzeitig gibt es diese anderen Momente, die sich anders anfühlen: ruhiger und klarer. Ich könnte sie nicht genau erklären. Es sind Momente, in denen ich nichts erfüllen muss, in denen keine Erwartungen im Raum stehen und in denen nichts optimiert werden soll. Und genau dort entsteht oft dieses Gefühl von Stimmigkeit.
Das ist kein großes Aha-Erlebnis, sondern ein kleiner, aber ziemlich eindeutiger Unterschied.
Vielleicht ist es genau dieser Unterschied, um den es gerade geht.
Es geht nicht darum, alles zu verändern oder neu zu erfinden, sondern genauer hinzuschauen. Wir sollten nicht mehr automatisch davon ausgehen, dass alles, was einmal gepasst hat, auch weiterhin in Ordnung ist. Und mir zuzugestehen, dass sich etwas verschieben darf, ohne dass ich es sofort begründen oder „lösen” muss.
Ich habe nicht das Bedürfnis, mich neu zu erfinden. Es geht mir auch nicht darum, eine bessere Version von meiner selbst zu werden. Dafür ist mir das alles inzwischen zu ernst geworden. Was ich vielmehr suche, ist eine Form von Klarheit. Nicht die, die aus Zielen entsteht, sondern die, die aus Ehrlichkeit kommt.
Ehrlichkeit darüber, was mich tatsächlich trägt, was ich nur noch tue, weil es mir vertraut ist, und auch darüber, dass ich auf manche dieser Fragen noch keine Antwort habe.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich gerade stehe. Nicht am Anfang von etwas Neuem, sondern in einer Art Zwischenraum, in dem sich alles langsam neu sortiert. Was darf bleiben und was gehört nicht mehr zu mir?
Und vielleicht reicht es im Moment auch, einfach das ernst zu nehmen.
Mein Fazit
Wenn sich allmählich zeigt, was nicht mehr zu mir gehört, stellt sich fast wie von selbst die nächste Frage: Was wünsche ich mir eigentlich noch?
Nicht im Sinne von höher, schneller, weiter, sondern im Sinne von wahrhaftiger. Und vielleicht ist Ehrlichkeit nicht nur dazu da, zu erkennen, was nicht mehr passt.Vielleicht ist Ehrlichkeit nicht nur dazu da, zu erkennen, was nicht mehr passt, sondern schafft auch Raum für das, was lange still war: für Wünsche, für Möglichkeiten, vielleicht sogar für Träume, die erwachsen geworden sind, aber nicht kleiner.




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